Mariä Himmelfahrt und die Kräutersträuße
Yvonne Majerus-Kalmus
Fast vergessene Feiertage
Auszug aus Am stëllen Dall - 150 Joër Por Roudersen, veröffentlicht 1993 vom Pfarrrat Rodershausen.
Nachgewiesen ist, daß schon im 5ten Jahrhundert die Himmelfahrt Mariä in der katholischen Kirche verehrt und das Fest am 15. August gefeiert wurde. Aber erst am 1. November 1950 erhebt Papst Pius XII diese Glaubensüberzeugung, daß
Maria mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde, zum Dogma. Mariä Himmelfahrt ist in Luxemburg sowohl ein kirchlicher als auch ein weltlicher Feiertag.
Für unsere Vorfahren war mit dem Fest von Mariä Himmelfahrt auch der Höhepunkt des Jahres überschritten. Größtenteils waren zum 15. August die Getreidefelder abgeerntet und auch die anderen Feldfrüchte waren reif. Die Feldflur leerte
sich, erste Nachtnebel stiegen auf, die langen Sommertage gingen zur Neige. Morgens hingen schwer die Spinnennetze des Altweibersommers an den Gartenzäunen und jeder wußte, daß mit »Léiwfrawöschdag« der Wendetag des Sommers kam und
somit zugleich das erste Erntedankfest.
Die Kräuter und Feldfrüchte, die wir auch heute noch zum »Wösch« gebunden an diesem Tag mit in die Kirche nehmen, sollen unseren Dank bekunden für alles Gewachsene auf dem Feld, im Garten und im Wald. Die gesegneten Kräuter und
Feldfrüchte des Himmelfahrtstages sollen zudem Haus und Hof vor Hagel und Gewitter schützen.
Es war ein alter Brauch, in die gesegneten Zwiebeln des Kräuterstrauches ein Kreuz zu schneiden und diese dann im Stall aufzuhängen, um so das Vieh vor Krankheit zu schützen. Der Kräuterstrauß selbst, natürlich ohne die Möhre, die
die Kinder meistens schon auf dem Heimweg verzehrten, wurde unter dem Dachboden aufgehängt. Bei schweren Gewittern zündete früher die Bäuerin nicht nur eine gesegnete Kerze an, sondern sie stieg zum Dachboden hoch, holte eine Handvoll
gesegneter Kräuter aus dem »Wösch« und warf diese ins Feuer, damit der Blitz Hof und Leute verschone.
Die gesegneten Getreideähren, Haferrispen und Heidekorn wurden zwischen den Händen ausgerieben und die so gewonnenen Körner mischte der Bauer teils unter das Saatgut des nächsten Jahres, teils unter das Brotgetreide.
Mit Freude und Begeisterung sammelten die Kinder am Vortag von Mariä Himmelfahrt die nach mündlicher Überlieferung vorgeschriebenen Kräuter und Feldfrüchte für den »Wösch«. Voraussetzung war, daß man die einzelnen Kräuter überhaupt
kannte und deren Standort ausfindig machen konnte.
Im Schulregister des Jahres 1933 finden wir eine genaue Aufzählung aller Pflanzen, die der damalige Lehrer Joseph Bour während Spaziergängen seinen Schülern auf den Gemarkungen Falbech, Wehrbusch, Richtberg, Hettlay, Azert und
Etschent in ihrer vollen Blütenpracht zeigte. Dies beweist uns, daß die Schulkinder jener Jahre die Pflanzen des »Wösch« genau kannten und auch deren Standorte aufzufinden wußten.
Aus dem Garten mußten die längste Möhre und die dickste Zwiebel her, sowie die schönste »Strauß« vom stark duftenden Liebstöckel (Léiwstack). Auch Pfefferminze, Rainfarn und Dill kamen aus dem Garten. Für den »Wösch« waren nur die
herrlichsten Ähren von Gerste, Korn und Weizen, sowie die schönsten Haferrispen und das beste Heidekorn gut genug. Am Wegrand fanden die Kinder dann den Schachtelhalm (Katzeschwanz), das Johanniskraut (Haartnol), das rote Weidenröschen
(Muttergotteshoer), den Dost (Jungfrabettstréi), die Kamille (Kaméile), den Odermennig (klengt Kinnekskräiz), das Ehrenpreis (Eierepreis), den Hornklee (Härgottsschengelcher), die Osterluzei (Ouschterlazei), den schwarzen Nachtschatten
(Nuetsschied), die Samenähre des Breitwegrichs (Weeblaat), die Wegmalve (Bréidercherskraut), das echte Lungenkraut (Lungekréktchen), die Schafgarbe, den Beifuß (Beibës) und den Klatschmohn (Klatschblum). Die meisten dieser Kräuter
waren wegen ihrer ätherischer Öle und wegen ihrer Heilkräfte bekannt.
Diesen ansehnlichen Strauß trug jedes Dorfkind am Himmelfahrtstag stolz in die Kirche, legte ihn auf die Kommunionbank, begutachtete aber auch gleichzeitig die Sträuße der anderen, um festzustellen, welcher nun dieses Jahr der
schönste ist.
Manches von diesem schönen, aber auch äußerst lehrreichen, alten Brauch ist der Hektik des heutigen Alltags, dem Mangel an Zeit und den Problemen der Umwelt zum Opfer gefallen. Die Krautsträuße wurden von Jahr zu Jahr dünner und die
Vielfalt der Kräuter wurde immer geringer. Ein Wunsch für die Zukunft wäre, doch diesen schönen, alten Brauch in unserem Dorf aufrecht zu erhalten.
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